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Besuch im Labor

Artikel aus KILIFÜ Magazin – Nr. 1 6/2015

Zu Gast bei den Kinderbuchautoren und -illustratoren Anke Kuhl und Jörg Mühle, die seit einigen Jahren zusammen mit Alexandra Maxeiner, Moni Port, Natascha Vlahovic, Philip Wächter und Zuni Fellehner und Kirsten Fabinski (alias von Zubinski)auf einer Etage in einem Frankfurter Hinterhofgebäude in einer Ateliergemeinschaft arbeiten.
Gegründet wurde das LABOR 1999 und die jetzige Konstellation der »Belegschaft« besteht seit sechs Jahren.
Das LABOR hat bei Beltz & Gelberg in Gemeinschaftsarbeit sechs Bücher als Kinder-Künstler-Reihe herausgebracht.
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Ein Versuch: Das Magazin


UPDATE 01/01/2016: Die Idee des Magazins wird erst einmal nicht weiter verfolgt und somit bleibt die Nummer 1 von 6/2015 auch erst einmal die einzige Ausgabe.


Heute erschienen: das erste KILIFÜ Magazin – großformatig, auf Zeitungspapier gedruckt, 40 Seiten stark.
Als Ergänzung zum Almanach (der 2015 am 06. November erscheinen wird) sollen im Magazin mehr Buchmenschen und ihre Arbeit vorgestellt und die guten Bücher aus dem Backkatalog stärker in den Fokus gerückt werden.
Gefüllt mit über 100 Buchbesprechungen und zwei Interviews wagen wir den Versuch eines neuen Formates, das sich unabhängig von Neuerscheinungen thematisch mit Kinder- und Jugendbüchern auseinandersetzt.

Die Zeitungen können von Buchhändlern in VE zu 100 Stück für netto € 25,- + Porto bei uns bestellt werden.
Zur Bestellung erhalten Sie ebenfalls eine Titelliste der vorgestellten Bücher und CDs.

Eltern, Großeltern, Kindern und alle weiteren Interessierten bitten wir, sich an Ihre/n Lieblingbuchhändler/in zu wenden und ihr/ihn gegebenfalls auf das KILIFÜ Magazin hinzuweisen 😉

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UPDATE 01/01/2016: Die Idee des Magazins wird erst einmal nicht weiter verfolgt und somit bleibt die Nummer 1 von 6/2015 auch erst einmal die einzige Ausgabe.


Karl Theodor Netzer

Artikel aus KILIFÜ Magazin – Nr. 1 6/2015
Kennen Sie auch dieses Gefühl, wenn man ein altes Buch in die Hand nimmt und es einen auf eine Zeitreise in die eigene Jugend mitnimmt? Mich haben viele Bücher in der Kindheit vor allen Dingen auch visuell stark geprägt. Ich finde vieles von dem, was ich als gut und schön erachte in den Bereichen Illustration, Bildaufbau, Farbgebung und Erzählweise in den Büchern, mit denen ich mich damals wieder und wieder beschäftigt habe.
Schon lange suche ich nach einem Schulbuch, das meiner Mutter gehört hatte mit dem Titel »Meine erste Fibel« (aber da kann mich meine Erinnerung auch trügen, denn ich habe es bisher trotz intensiver Suche nicht in Antiquariaten finden können). Darin gab es circa 20 Farbtafeln mit Alltagssituationen wie zum Beispiel auf dem Feld, dem Bauernhof etc., anhand derer Begrifflichkeiten erklärt wurden. Neulich bin ich bei einem Besuch zufällig auf ein anderes Schulbuch gestoßen, von dem ich nach dem ersten Duchblättern sofort begeistert war – ist es doch randvoll mit fröhlichen, anrührenden Bildern. Und so musste ich mir das Buch sofort antiquarisch besorgen – sein Titel »Frohes Schaffen mit der Rechtschreibfibel« von Fritz Färber, erschienen im Bayerischen Schulbuch-Verlag*. Zitat aus dem Einband: »Das Buch soll der Stillarbeit in der weniggegliederten Landschule und der Hausarbeit dienen. Mit ihm können auch Eltern ihren Kindern fördernd an die Hand gehen.«
Illustriert hat das Buch Karl Theodor Netzer, von dem ich leider nichts weiteres über sein Leben und Werk herausfinden konnte, außer, dass er noch ein paar weitere Lehr- und Schulbücher mitgestaltet hat.
Was mich sofort angesprungen hatte, ist die Lebendigkeit und spielerische Fröhlichkeit, die sich durch die 176 Seiten ziehen. Den Lehrinhalten, dem Erlernen der deutschen Grammatik, werden gelöst agierende Buchstaben gegenübergestellt, die wie gute Freunde Zusammenhänge in klaren Bildern erklären. Die damals noch technisch bedingte Reduktion auf wenige Volltonfarben (moderner Vierfarbsatz war noch viel zu teuer), schafft die notwendige Klarheit und Karl Theodor Netzer beherrscht die Kunst, Dinge auf den Punkt zu bringen. Trotz der Vereinfachung haben seine Figuren Charakter und wirken unglaublich lebendig. Ich bin froh über diesen Zufallsfund und denke, dass ich es aus Freude und zur Inspiration in Zukunft immer wieder mal aus dem Regal ziehen werde.

Dirk Uhlenbrock

* Das Buch ist noch gut antiquarisch erhältlich, erschienen ist es in mehreren Auflagen zwischen 1949 und 1968.

Jon Klassen – Ein Interview

aus KILIFÜ 2014/15

Wir hatten die Gelegenheit Jon Klassen während des 14. internationalen literaturfestivals in Berlin  zu sprechen. In der knappen halben Stunde, die zur Verfügung stand, begegnete uns ein äußerst entspannter und gut gelaunter Interviewpartner, der alle Fragen entwaffnend offen beantwortete. Beim anschließenden Vortrag im Haus der Berliner Festspiele haben wir dann noch erfahren, dass er eigentlich gar keine Lust hat, Tiere zu zeichnen – dafür gibt es aber erstaunlich viele von ihnen in seinen Büchern.

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Die erste Frage, die ich Dir einfach stellen muss: wie viele Hüte besitzt Du?
(lacht) Oh, gar nicht so viele. Ich habe einige von diesen Baseballcaps, aber mein Kopf ist recht schmal und die meisten Hüte sehen bei mir immer so aus als wären sie zu groß. Ich mag Hüte – es ist seltsam, denn ich habe bis zur Grundschule immer einen getragen. Aber  ich weiß, worauf Du hinauswillst, es gibt aber keinen Zusammenhang mit den beiden Büchern, in denen ein Hut die Hauptrolle spielt. Ab und an, wenn mir einer gefällt, probiere ich einen neuen Hut auf, aber sie sind leider immer zu groß und stehen mir nicht.

Wenn wir schon beim Thema sind – bitte versteh mich jetzt nicht falsch – was war der Grund eine Geschichte zweimal zu erzählen? »Wo ist mein Hut?« und »Das ist nicht mein Hut« gleichen sich ja, – war es die andere Erzählperspektive, die Dich gereizt hat?
Das war nicht geplant, selbst der erste Band war ein »Unfall«. Ich hatte nur die Dialoge für »Wo ist mein Hut?« geschrieben und eine vage Idee für das Cover im Kopf, ohne einen Hut zu zeigen, hatte aber gar nicht die Motivation ein Kinderbuch zu schreiben. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich nur Geschichten von anderen illustriert und als ich mich nach mehreren Versuchen daran setzte, das Storyboard zu entwickeln, war die eigentliche Geschichte innerhalb von 20 Minuten entwickelt. Eigentlich funktioniert die Story wie ein kurzes Theaterstück, in dem der „Zuschauer” anhand dessen, was gesprochen wird und dem was er zu sehen bekommt, merkt, dass da jemand lügt. Wir haben das Buch schnell realisiert, gleich gut verkauft und der Verleger meinte, dass ich zügig ein weiteres Buch machen sollte. Das Problem war, ich hatte keine gute neue Idee, probierte erst mit den gleichen Charakteren eine weitere Geschichte zu erzählen, aber es funktionierte nicht. Dann fiel mir eine Fischgang ein, die im Meer herumzieht und andere Fische terrorisiert, bis sie sich mit einem zu großen Gegner anlegt und ein Gangmitglied nach dem anderen gefressen wird, bis nur noch der Bandenchef übrig ist. Ich kam zu diesem letzten Bild und dachte, diese Situation ist interessant: ein kleiner Fisch, ein großer Fisch, und — ein Hut. Ich schrieb alles schnell herunter und habe meinem Verleger um 2 Uhr morgens eine E-Mail mit dem Exposé gesendet. Ich wachte morgens auf, schaute auf das Manuskript und dachte »Du hast das gleiche Buch geschrieben! Wie konnte das passieren?« Beim folgenden Telefongespräch beruhigte mich mein Verleger, es wäre alles in Ordnung, die Geschichte würde funktionieren, sie unterscheidet sich von »Wo ist mein Hut?«, es ist ein anderes Buch. Denn ist in diesem Fall ein Monolog, kein Dialog, den der Hauptcharakter führt, dadurch ändert sich die Perspektive, die Abfolge in der Handlung – man entwickelt Sympathien für eine andere Person. Ein sehr glücklicher »Unfall«, ich wünschte das wäre geplant gewesen. (lacht)

Also sind es die »Unfälle« die das Leben interessant machen?
Ja, dass mag ich am liebsten an der Arbeit.

Es scheint mir, dass Du sehr von dem Grafikdesign der späten 1950er- und frühen 60er-Jahre inspiriert und beinflusst bist – die gebrochen Farben, der Einsatz von Texturen erinnern mich an vieles, was in dieser Zeit in den USA entstanden ist.
Ja, das denke ich auch, sie hatten damals nicht die Möglichkeiten in der Druckproduktion und diese Limitierung brachte Sie dazu, ökonomisch und gut geplant Dinge zu realisieren. Es spricht nichts dagegen, dass man heutzutage alles drucken kann, was man möchte, aber ich mag es für mich in festen Regeln und durchaus eingeschränkt zu arbeiten. Und in Sachen Kinderbücher sind mir die am liebsten, die mit großen, klaren Formen arbeiten. Das fängt mit dem Cover an, wenn ich das Motiv und den Titel schon von weitem erkennen kann, gefallen sie mir am besten. Wenn ich als Kind ein Buch geöffnet habe und auf der Seite waren mehr als drei, vier Zeilen Text, habe ich es sofort wieder beiseite gelegt. Die alten Bücher haben mit sehr sparsamen Mitteln erzählt und das reizt mich sehr. Ich möchte keine »Retro«-Bücher machen, nichts kopieren, nichts bewusst auf alt trimmen. Meine Bücher waren die Kinderbücher, die mein Vater bekommen hatte, als er ein Junge war und sie haben mich wohl sehr geprägt. Aber man sollte nicht zu romantisch werden was diese Zeit angeht, sondern das nehmen, was sie damals gut gemacht haben und in die Gegenwart transferieren.

Ich war sehr erstaunt als ich herausfand, dass Du nicht aus dem Fernen Osten stammst. Deine Bücher sind so fokussiert, es gibt so viel Raum, den ich aus einigen japanischen und chinesischen Veröffentlichungen kenne.
Ja, die sind sehr gut darin und die Bücher scheinen in Japan auch prima anzukommen. Ich habe längere Zeit in einem großen Zeichentrickstudio gearbeitet und das was man dort den ganzen Tag macht ist das komplette Blatt mit Illustrationen zu füllen. Jede Zeichnung ist ja nur ein Standbild eines Filmes und somit muß man die ganze Zeit auch das komplette Umfeld mitberücksichtigen. Bei meinem ersten Kinderbuchjob habe ich genau so gearbeitet, ich habe jede Seite mit Zeichnungen bis zum Anschlag gefüllt. Dann stellte ich fest wie entspannend es ist, dem Papier Raum zu lassen, der Oberflächentextur, dem Material. So viel Papier wie möglich stehen zu lassen ist wirklich eine schöne Sache.

Das Erste was ich mit neuen Büchern mache ist, sie zu öffnen und daran zu riechen.
Ja, es ist ein Objekt, eine physikalische Erfahrung, es macht so viel Spaß in diesem Genre Dinge realisieren zu können. Wenn man diesen Buchrücken anschaut (nimmt ein Buch in die Hand), es ist so wenig Fläche, aber wie gestalte ich sie. Denn wenn man im Buchladen steht, was bringt einen dazu ausgerechnet dieses Buch aus dem Regal zu ziehen, das zwischen hunderten anderen Büchern Rücken an Rücken steht?

Wie läuft der Entscheidungsprozess, wenn Du das Angebot bekommst, einen Fremdtext zu illustrieren?
Manchmal ist es einfach wegen des Geldes. (lacht) Nein, im Ernst, ich habe keinen Plan, also keine Liste an Büchern und Themen, die ich gerne einmal zeichnerisch umsetzen möchte. Wenn mir eine Geschichte angeboten wird, beschäftige ich mich mit ihr, und wenn sie mich berührt, wenn man sie packen und mit ihr losrennen kann, dann macht das sehr viel Spaß und ist immer ein großes Abenteuer. Und kann genauso persönlich werden, wie die Geschichten, die man sich selber ausdenkt.

Ich habe gelesen, dass Du ein großer Bewunderer von Wolf Erlbruch bist. Kannst Du mir sagen, was Du an seinen Büchern magst?
Ich habe das Buch »Ente, Tod und Tulpe« geschenkt bekommen und war ganz hingerissen von der Sanftheit und Eleganz mit der Erlbruch gestaltet. Die meisten Kinderbuchpublikationen in den Vereinigten Staaten sind sehr laut, bunt, energiegeladen und seine Bücher sind so komplett anders – ruhig, behutsam, zart, ohne langweilig zu sein. Und alles ist sehr gut layoutet, die wenigsten Illustratoren sind auch gute Grafiker.

Bei diesem Buch kommen mir jedes Mal die Tränen, wenn ich es lese.
Ja, mir auch, wenn die Ente stirbt, fange ich an zu weinen, es ist ein wunderschönes Buch. In den USA hat es leider kaum Öffentlichkeit bekommen, wegen des Skeletts. Ich habe schon einmal darüber nachgedacht, ob die Akzeptanz in Amerika höher gewesen wäre, wenn der Tod als Mann dargestellt worden wäre. Ich bin ein großer Fan.

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Ich habe Dein neues Buch »Sam & Dave graben ein Loch« lesen dürfen und die beiden Protagonisten treffen eine Fehlentscheidung nach der anderen, doch am Ende der Geschichte ist scheinbar wieder alles in Ordnung. Interessant ist auch, dass die Leser des Buches immer mehr wissen als die Hauptdarsteller.
Ja, ich finde es immer wichtig, wenn die Illustrationen mehr oder etwas anderes erzählen als der Text eines Buches. Am Ende sind die beiden vermeintlich wieder am Ausgangspunkt der Reise, aber wer genau hinsieht…
Ich hatte viel Spaß am Layout, der Text sollte den Kindern auf ihrem Weg nach unten folgen, das hat nicht so funktioniert wie gehofft und er springt ein wenig, aber ich bin sehr zufrieden mit dem Ergebnis.

Sind irgendwelche neuen Bücher geplant?
Ja, das dritte »Hut«-Buch, noch eines und dann ist die Sache mit dem Hut gestorben.

Und welche Tiere sind es dieses Mal?
Ich bin mir nicht sicher. Es gibt im ersten Buch ein Tier, das aussieht wie eine Mischung aus einem Maulwurf und Gürteltier, und es werden wohl Kreaturen werden, für die es keinen Namen gibt. Es gibt ja auch Leute, die den Bären für einen Biber halten und somit bin ich eh ein hoffnungsloser Fall was das Zeichnen von Tieren angeht. (lacht) Die Geschichte  wird aber wohl im Schnee spielen.

Dirk Uhlenbrock

P.S. Es gibt einen sehr schönen Kurzfilm „An Eye for Annai“, der noch während seiner Studienzeit in Zusammenarbeit mit einem Studienkollegen entstanden ist, den ich hiermit wärmstens empfehle. Auch über diesen Film haben wir kurz geredet, da mir aufgefallen war, daß der Seestern, der Annai beim Verlassen des Meeres am Rücken klebt und auf den er sich dann zu setzen scheint, beim Aufstehen verschwunden ist. Er antwortete, das der Film in einer Nacht-und-Nebel-Aktion fertig werden mußte und das sie aus Versehen einen noch schlimmeren Anschlußfehler eingebaut haben, der vor allem Kindern auffällt. – Achten Sie mal auf die letzte Szene, was da wohl nicht stimmt 😉

Die Welt der wilden Tiere im Süden – Dieter Braun

Es erschien kurz vor der Buchmesse und leider war im neuen KILIFÜ kein Platz mehr für dieses großartige Bilderbuch, das ist sehr schade, ließ sich aber nicht mehr ändern. Deshalb möchte ich an dieser Stelle die Gelegenheit nutzen das großformatige, auf mattem Papier gedruckte Buch anhand einer kleinen Galerie vorzustellen, denn die Bilder sprechen für sich.

Einen Teil der Illustrationen und weitere sind über seine Website brauntown auch als Posterdrucke erhältlich.
Die Welt der wilden Tiere im Süden – Dieter Braun
Knesebeck Verlag, € 29,95
ab 6 Jahren.
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Lindbergh – Ein Interview mit Torben Kuhlmann

aus schmitzkatze 19, Juli 2014 (Fotos Torben Kuhlmann: NordSüd Verlag)

Meine Liebesbeziehung zu »Lindbergh« begann im Oktober 2013 und wurde zunächst arg auf die Probe gestellt. Auf der Frankfurter Buchmesse erzählte der NordSüd-Verleger Herwig Bitsche völlig begeistert von einem Buch, das Anfang diesen Jahres erscheinen sollte. Er zeigte es mir, dazu noch einen hinreißenden Trailer und der Funke sprang sofort über. Nur die Tatsache, nun drei Monate warten zu müssen, um dieses Buch wieder in Händen zu halten und andere dafür zu begeistern, trübte die Freude ein wenig. Mittlerweile ist »Lindbergh« längst erschienen und voll durchgestartet, erhielt hymnische Rezensionen in allen großen Zeitungen und wurde unter anderem ausgezeichnet mit dem Leipziger Lesekompass, dem Luchs des Monats Mai und ganz frisch von der Stiftung Buchkunst als eines der schönsten deutschen Bücher 2014 gekürt. Ein gewaltiges Echo für das Erstlingswerk eines jungen und äußerst sympathischen Künstlers, dem ich auf der Leipziger Buchmesse begegnet bin, und den ich dort für dieses Interview gewinnen konnte. Ganz herzlichen Dank dafür, lieber Torben Kuhlmann!

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Lieber Torben Kuhlmann, »Lindbergh« ist Ihr erstes Bilderbuch. Wir würden Sie gerne näher kennenlernen! Mögen Sie sich einfach kurz selbst vorstellen?

Ich bin Illustrator – manchmal auch Kinderbuchautor – und lebe und arbeite in Hamburg. Geboren wurde ich 1982 im niedersächsischen Sulingen bei Bremen. Ich habe schon als kleines Kind viel gemalt, gezeichnet und gebastelt. Als Teenager fing ich dann mit der Aquarell- und Ölmalerei an. Nach dem Abitur und dem Zivildienst entschied ich mich, meine bisherigen Hobbys zum Beruf zu machen und begann das Illustrations- und Kommunikationsdesignstudium in Hamburg. Neben dem Studium habe ich schon einige freiberufliche Projekte gemacht, bis ich 2010 anfing als Illustrator für die Hamburger Werbeagentur Jung von Matt zu arbeiten. 2012 machte ich dann mein Diplom mit dem Kinderbuch »Lindbergh«. Dieses Jahr starte ich als freiberuflicher Illustrator.

Können Sie sich noch an Ihr absolutes Lieblingsbuch als Kind erinnern? Und an die erste Begegnung mit einer Maus?

Ich glaube, mein Lieblingsbuch als sehr kleiner Junge war eine Bildergeschichte mit dem Titel »Angst im Dunkeln«. Ich weiß heute nicht mehr den genauen Titel oder den Verlag. Es ging um einen unheimlichen Spaziergang durch einen nächtlichen Wald. Am nächsten Morgen – auf dem Rückweg – sieht man aber, dass alles Unheimliche der Nacht am Tage eine ganz einfache Erklärung hat. Das gruselige Monster war zum Beispiel nur ein Baumstumpf. Meine Ausgabe des Buches ist leider seit Ewigkeiten verschollen.
Meine erste Begegnung mit einer Maus war eine etwas unheimliche und auch traurige – obwohl ich mich nur noch sehr vage daran erinnern kann. Ich befürchte, es war eine tote Maus in einer Mausefalle. Vielleicht hat das ja dazu geführt, dass ich mich mit der Mäusewelt solidarisiert habe und eine Geschichte erzähle, in der diese unheilvolle Erfindung eine kleine Maus zum Fliegen bringt.

Schon als Kind sollen Sie alles vollgekritzelt und -gemalt haben. Erinnern Sie sich noch an Reaktionen zu Ihren allerersten Kunstwerken? Gab es damals Vorbilder? Und wer inspiriert Sie heute?

Ja, das stimmt. Solange ich mich zurückerinnern kann, habe ich immer gezeichnet, gemalt und gebastelt. Das ist auch heute noch alles recht gut dokumentiert, da mein Vater so gut wie alles aufgehoben hat. Ich habe ihn früher häufig auf seinen beruflichen Autofahrten begleitet und dann bei Mandantenterminen still daneben gesessen und alles aufgezeichnet, was ich unterwegs entdeckt habe und was ich interessant fand. Irgendwann lagen dann schon Stifte und Papier für mich bereit. Ich erinnere mich an das Staunen über diese frühen Zeichnungen. Wie ich jetzt – grade in Zusammenhang mit meinem ersten Bilderbuch »Lindbergh« häufig erfahre, haben viele meine Zeichnungen von damals aufgehoben, teilweise länger als 25 Jahre. Begeistert hat mich damals eigentlich alles Gemalte oder Gezeichnete, ohne direkte Vorbilder gehabt zu haben. Ich war als Kind fasziniert wenn jemand etwas realistisch malen könnte. Das wollte ich auch. Und so habe ich immer weiter gemalt und gezeichnet.
Heute inspirieren mich vor allem gut erzählte Geschichten. Ich bin immer wieder erstaunt und in der Folge motiviert, wenn ich sehe, was alles möglich ist. Man kann in Bildern so vieles erzählen, so viel mit Atmosphäre und Stimmungen spielen. Das kann in Illustrationen passieren, aber auch in Malereien und im Kino.
Ich habe unzählige kleine Vorbilder, von amerikanischen Künstlern wie Norman Rockwell und John Singer Sargent bis hin zu einzelnen Kameramännern und Trickfilmregisseuren.

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»Lindbergh« ist so unglaublich liebevoll und detailreich illustriert, da liegt natürlich die Frage nahe, wie lange Sie an Ihrem ersten Bilderbuch gearbeitet haben? Und vor allem, woher diese ungewöhnliche Idee stammt?

Diese Frage ist etwas schwierig zu beantworten. Die erste Idee für dieses Buch entstand schon 2006: Eine Maus, die das fliegen lernt. Aber es blieb erst mal nur bei ein paar unzusammenhängenden Entwürfen. Die Arbeit an »Lindbergh« startete dann im Rahmen meines Diploms im Mai 2011. Es war viel Urlaubs-, Wochenend- und Feierabendarbeit nötig bis im Sommer 2012 ein erster Buchdummy fertig war. Der veränderte sich dann aber nochmals. Der Text wurde kürzer, der Umfang größer. Rechtzeitig zur Kinderbuchmesse in Bologna 2013 war »Lindbergh« dann fast schon in seiner jetzigen Form fertig.
Die grundlegende Idee war so einfach wie schlüssig: Eine einfache Maus entdeckt Fledermäuse – fliegende Verwandte – und möchte daraufhin auch das Fliegen lernen. Nach und nach kamen immer mehr Aspekte hinzu, zum Beispiel die Gefahr der neumodischen Mausefalle. So wurde es eine Fabel über die Auswanderungszeit und die Aussicht auf ein besseres Leben in einem fernen Land wurde der Motivator für den Wunsch, das Fliegen zu lernen.

Haben Sie bei der Arbeit an Lindbergh einzelne Szenen nachgebaut oder sind all diese Details in Ihrem Kopf entstanden? In diesem Zusammenhang: Mögen Sie Trödelmärkte und gibt es dort Dinge, an denen Sie einfach nicht vorbeigehen können?

In der Tat entsteht vieles in meiner Vorstellung oder auch erst beim Zeichnen auf dem leeren Aquarellpapier. Für einzelne Bildinhalte muss ich ein wenig Recherche betreiben, mir zum Beispiel alte Stadtansichten ansehen oder nachschauen, wie bestimmte Objekte aussehen, zum Beispiel alte Schreibmaschinen. In diesem Zusammenhang stöberte ich tatsächlich durch kleine Hamburger Trödelläden. Alles, was eine gewisse Patina hat, war eine große Inspiration für die Welt in »Lindbergh«. An alten Schreibmaschinen kann ich in der Tat nicht einfach vorbeigehen.

War Ihnen von Anfang an klar, dass Ihre Diplomarbeit eine Geschichte für Kinder sein würde? Dass eine kleine Maus darin eine große Rolle spielen würde? Und haben Sie selbst schon mal Mäuschen gespielt und sind über den Atlantik geflogen?

Wie mein Diplomprojekt tatsächlich aussehen würde, war fast bis zuletzt offen. Ich hatte immer wieder während des Studiums den Wunsch, etwas über die Geschichte der Luftfahrt zu machen, zum Beispiel ein Sachbuch oder eine illustrierte Biografie über den einen oder anderen Luftfahrtpionier. Auch reizte mich ein kleines Trickfilmprojekt oder ein Kinderbuch. Wie oben erwähnt, lag zu diesem Zeitpunkt im Frühjahr 2011 noch eine nicht umgesetzte Idee über eine fliegende Maus in meiner Schublade. Letztlich war mein Gedanke der, dass ich mich immer wieder mal episodenhaft mit Kinderbuchillustration beschäftigt hatte, aber nie ein komplettes Buch dabei entstanden ist. So habe ich mich quasi selbst in die Pflicht genommen und gesagt, wenn ich das jetzt zum Diplom nicht mache, werde ich es vielleicht nie machen. So ging‘s los.
Und ja, in der Tat bin ich ein erfahrener Atlantikflieger. Ich war selbst schon ein paar Mal in den Vereinigten Staaten – geflogen von Hamburg nach New York. Auch wenn der eigentliche Flug heute zugegebener Maßen nicht mehr viel Magisches hat. Mit einer klappernden Propellermaschine wäre das sicherlich etwas abenteuerlicher!

Auf der Kinderbuchmesse in Bologna wurde »Lindbergh« ausgestellt und wartete darauf von Verlegern entdeckt zu werden. Herwig Bitsche erzählte die nette Geschichte, dass Ihr Muster fast zu perfekt war… Wie fanden Sie beide zueinander?

Ich hatte im Herbst 2012 eine kleine Auswahl von Bildern aus »Lindbergh« zur Illustratorenausstellung auf der Kinderbuchmesse Bologna eingeschickt. Das war eine schwierige Zeit damals und ich bin sehr froh, dass mir jemand gesagt hat: Schick‘ auf jeden Fall deine Bilder dorthin! Es hat ja auch geklappt und die Bilder wurden für die Ausstellung ausgewählt. Gleichzeitig stellte der Messestand meiner Hochschule den von mir angefertigten Buchdummy aus. Dieser sprang dann Herwig Bitsche vom NordSüd Verlag ins Auge. Es endete für ihn aber in einer Enttäuschung, da den Buchdummy schon ein Verlagslogo zierte: Flying Books Publishing. Dies war aber nur mein fiktiver Eigenverlag für die kleine Auflage meiner Diplomarbeit. Unverrichteter Dinge zog Herwig Bitsche davon und nur mit etwas Glück entdeckte er auf der Zugfahrt zurück nach Zürich die »Lindbergh«-Bilder im Ausstellungskatalog, dort mit dem richtigen Zusatz »unpublished«. Kurze Zeit später klingelte bei mir das Telefon. In den nachfolgenden Verhandlungen war mir ein Punkt besonders wichtig. Ich wollte den Umfang des Buches auf keinen Fall auf ein »übliches« Maß kürzen. NordSüd war aber ohnehin von Anfang an von meinem Konzept und auch von dem größeren Umfang, den diese Geschichte brauchte, überzeugt!
Besonders freut mich auch, dass die Veröffentlichung von »Lindbergh« der Reise der kleinen Maus folgt, mit der ersten Vorstellungen des Buches in Hamburg und wenig später der Präsentation der englischen Ausgabe in New York City.

Nun sind ein paar Monate vergangen, aus der Diplomarbeit ist ein fertiges Buch geworden, das die Herzen der BuchhändlerInnen höher schlagen lässt und die Presse zu wahren Lobeshymnen veranlasst hat. Wie sieht es mit denen aus, für die Sie das Buch geschrieben und illustriert haben – den Kindern? Gab es bereits Begegnungen mit kleinen Lesern, die sie gerührt, erstaunt, erfreut haben?

Ja, ich bin total überwältigt, wie das Buch angenommen wird. Zur Fragestellung muss ich aber etwas ergänzen. »Lindbergh« startete als sehr kleines Projekt. Für meine Diplomarbeit habe ich zunächst gar keine Zielgruppe im Kopf gehabt. Ich glaube, das einzige Kind, das ich zunächst zufrieden stellen wollte, war ich selber. In einem der ersten Sätze meiner theoretischen Diplomarbeit sage ich, dass ich ein Kinderbuch gestalten wollte, wie ich es als Kind geliebt hätte. Ein wirkliches Abenteuer, in dem es manchmal auch um Leben und Tod geht; das manchmal düster und manchmal lustig ist. Wie ich nun aber schon öfters erfahren habe, gibt es heute auch viele Kinder, die so ähnlich ticken, wie ich als kleiner Junge. Es freut mich enorm, wenn Eltern berichten, wie intensiv Kinder auf die Geschichte reagieren. Durch Kinderaugen und ihre Fantasie wird alles noch etwas intensiver: Sie lachen, gruseln sich vor Eulen und der dunklen Kanalisation und fiebern bei jedem Flugversuch mit. Vielleicht war es ein Pluspunkt, nicht auf eine bestimmte Zielgruppe oder Altersstufe zu zielen und einfach eine Geschichte zu erzählen.
Was mich rührt sind Begegnungen mit kleinen Lesern, die etwas schüchtern ihr »Lindbergh«-Buch ganz fest umklammern und an ihre Brust drücken und etwas scheu – und von den Eltern motiviert – um eine Unterschrift bitten.

Ein gefeiertes Debüt – und nun? Haben Sie schon Pläne für ein neues Projekt, den Kopf dafür frei? Möchten Sie weiterhin für Kinder zeichnen? Könnte die Geschichte von Lindbergh weitergehen? Fragen über Fragen, auf die Sie hoffentlich Antworten haben!

In der Tat »beflügelt« mich die viele positive Rückmeldung zu meinem Erstling »Lindbergh«. Und ich habe noch einige Ideen für Bilderbuchgeschichten. Weitere Bücher kann ich nun etwas beruhigter anfangen. »Lindbergh« war vor allem für mich als Autor und Illustrator ein großer Selbstversuch: Das erste Mal, dass ich eine ganze Geschichte in Bildern erzählt habe. Für mich schienen viele meiner Gestaltungsideen schlüssig, aber man sieht ja erst, ob etwas wirklich funktioniert, wenn andere die Geschichte lesen, betrachten und erleben. Nun bin ich da etwas sicherer und in der Tat sind schon weitere Bücher in Planung. Und um hier den letzten Satz aus meiner theoretischen Diplomarbeit zu zitieren: »Vielleicht ist es nicht das letzte Mal, dass eine Maus in einem winzigen Cockpit Platz genommen hat…«

Wenn die Ideen mal nicht so kommen wollen, wie sie vielleicht sollten, wo und wie bringen Sie sich auf andere Gedanken und lassen sich beflügeln?

Ja, manchmal ist der Blick auf ein leeres Blatt Papier geradezu angsteinflößend. Aber über die Jahre habe ich recht sichere Methoden entwickelt, um meine Gedanken aufzuräumen und darin dann gute Ideen aufzuspüren. Bewegung an der frischen Luft ist immer gut. Manchmal reicht schon eine kleine Fahrradtour an der Elbe, idealer Weise gönne ich mir aber einen Tag am Meer. Tatsächlich ist viel Konzeptions- und Schreibarbeit zu »Lindbergh« bei Tagesausflügen an die Nordsee erledigt worden. Manchmal braucht es aber auch nur einen guten Spielfilm, einen Museumsbesuch oder Musik, um Inspiration zu finden.

Schauen Sie sich heute ab und zu Bilderbücher an? Sieht man sie dann mit den Augen eines Künstlers, der gleichzeitig überlegt, wie er die Geschichte umgesetzt hätte? Oder mit den Augen eines Kindes?

Ich kann tatsächlich noch relativ unmittelbar andere Bilderbücher durchschauen, ohne es nur vom fachlichen Standpunkt zu sehen oder gar zu bewerten. Ich glaube auch, dass sich so viel gar nicht geändert hat. Auch schon früher habe ich Bilderbücher immer etwas analysiert. Wie hat der Illustrator das gemacht? Was für technische Kniffe wendet er an? Und so schaue ich auch heute noch. Im Idealfall zieht einen aber eine fantastische Bildwelt und eine gute Geschichte nach ein paar Seiten soweit hinein, dass man gar nicht mehr an der Oberfläche herumanalysiert. Ich »entdecke« auch gerne Bilderbücher, die mich in irgendeiner Weise überraschen.

Hat Sie ein Buch schon mal so sehr beeindruckt, dass Sie es am liebsten sofort in Szene gesetzt hätten? Oder gibt es eines, in dem Sie gerne der Held wären?

Zuletzt erging es mir so bei »Coraline« von Neil Gaiman. Da sprudelten die oft surrealen Umsetzungsideen geradezu aus mir heraus. Als Teenager hatte ich ein ähnliche Erfahrung mit Bram Stokers Roman »Dracula«.
Ich wäre in so vielen Geschichten gerne der Held… Aber das Schöne an Büchern ist ja, dass man es als Leser auch irgendwie immer ist.

Würde man Ihnen eine Reise schenken, was wäre Ihr Ziel, wie kämen Sie dorthin und was würden Sie von dort mitbringen?

Das kann ich kaum auf einen einzigen Ort beschränken. Ich möchte gerne mehr von der ganzen Welt sehen. Großartig wäre es, wenn mich meine Bücher irgendwann auch mal nach Japan führen würden. Mitbringen würde ich dann ein volles Reise-Skizzenbuch.

Der Traum vom Fliegen und von der Freiheit ist für Lindbergh in dem Buch wahr geworden. Was ist Ihr großer Traum? Wurde er sogar schon wahr?

Sicherlich ist ein großer Traum jüngst schon wahr geworden: Mein erstes Buch ist erfolgreich verlegt worden! Und es ist dabei mein Buch geblieben – von der Gestaltung bis zur Geschichte. Ein weiterer Traum, der wahr wurde: Vor wenigen Wochen ist »Lindbergh« auch in den USA erschienen!
Absolut umwerfend wäre es für mich, irgendwann vielleicht den Titel »Lindbergh« auf der großen Kinoleinwand zu lesen, begleitet von heroischen Trompetenklängen.

Sandra Rudel

Torben Kuhlmann
Lindbergh. Die abenteuerliche
Geschichte einer fliegenden Maus
NordSüd Verlag, 17,95 Euro
Ab 6 Jahren.

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Atelierbesuch bei Ulf K.

Aus dem KILIFÜ 2013/14:

Als ich Ulf K.(eyenburg) Anfang November in seinem Düsseldorfer Atelier besuche, sitzt er gerade an weiteren Stripfolgen für die Frankfurter Allgemeine Zeitung – eine Comicversion von Bertold Brechts »Geschichten vom Herrn Keuner«, die bis zum Jahresende an vier Wochentagen im Feuilleton erscheint. Auf den großformatigen Kartons entstehen akkurate Tuschezeichnungen mit schwarzen Konturen, und einem Grauton als Schattierung – die immer leise auftretende, reduzierte Bildsprache sorgt dafür, dass in jedem Bild immer ein leicht melancholischer Unterton mitschwingt. Sein Zeichenstil, der stark beeinflusst ist durch franko-belgische Vorbilder, hat ihn in der Comicszene bekannt gemacht und in der Vergangenheit für einige Auszeichnungen, wie zum Beispiel den Max-und- Moritz-Preis als bester deutscher Comiczeichner, gesorgt. Weiterlesen